Allein mir fehlt der Glaube

Es gibt immer wieder Mails, die eine Heils- oder Glücksbotschaft übermitteln, bei der ich mich frage: „Wer glaubt so was“? Vor ein paar Tagen kam mal wieder so ein Ding:

ich bin ständig auf der Suche nach neuen Wegen mein Leben zu verbessern und zu optimieren. In einer Fernsehreportage habe ich dann von einem System erfahren, mit dem man relativ schnell eine große Menge Geld machen kann.

Geschrieben hat die „Jonas, 37, Informatiker“. Ich brauche laut „Jonas“ keine Kenntnisse, es ist ein gut durchdachtes System und auf seinen Hauptberuf sei er nicht mehr angewiesen. Geld, Freitzeit und Selbstverwirklichung satt.

Wenn ich mir das so durch den Kopf gehen lasse, wird mir eine Eigenschaft von Geld bewusst, die bei solchen Angeboten immer unerwähnt bleibt. Geld, dass ich bekomme, muss mir jemand anders geben. Schaue ich mir die Mail an, bei der das System funktioniert und es öffnen sich viele neue Türen hervorgehoben ist, kommt mir spontan eine Idee, worauf die Mail abzielen könnte.

Mit der Mail soll das System von „Jonas“ funktionieren und ihm Türen öffnen. Vorzugweise wahrscheinlich die Türen zu den Geldbörsen und Tresoren von Leuten, deren Gier auf den Denknerv drückt und eben das verhindert: Denken.

Denn ein Link, der mich zu was mit „Trend“ im Seitenlink führt, ist wohl kaum die Pforte zur Glückseeligkeit. Wenn „Jonas“ seinen Hauptberuf angeblich nicht mehr braucht, warum geht er ihm dann mit so schwachsinnigen Mails nach? Wahrscheinlich, weil es Systeme gibt, die zwar funktionieren, aber eben schlecht bis gar nicht für alle. Sondern für ein paar Wenige. Zu denen „Jonas“ erkennbar dazu gehören will.

Centbeträge bei Werbeportalen können durchaus ein Sümmchen zusammenbringen. Schräg wird es halt, wenn auf eine englischsprachige Webseite mit Made in Germany verlinkt wird, die mir vorrechnet, dass ich ohne jegliche Finanzkenntnisse an der Börse zum Erfolgsbrocker werde. Dazu diverse Logos von Firmen, die jeder Dödel kennt, klein drüber wir empfehlen, wer etwas flüchtiger liest, könnte einen anderen Eindruck erhalten.

Dazu die im Netz mittlerweile unvermeidlichen Urkunden über erhaltene Auszeichnungen, von denen zumindest ich noch nie etwas gehört habe. Am amüsantesten die, in denen man dafür ausgezeichnet wird, dass man mit jemandem ein Interview geführt hat. Wow: Wir haben gesprochen — und dafür erhalten Sie diese Urkunde.

Natürlich kann ich alles kostenlos und ohne Verpflichtungen ausprobieren. Was weitergedacht deutlich macht, dass zum erfüllenden Glück das Himmelstor mit Goldstücken geöffnet werden muss.

Bedenkt man jetzt noch kurz, dass Jonas durch eine Fernsehreportage auf den Honigtopf aufmerksam wurde, er daher wahrscheinlich einer von vielen anderen ist, die ebenfalls an das Geld vieler anderer wollen, dürfte der größte Reichtum dadurch entstehen, dass man die Goldgräber ungestört ihrem Glück nachlaufen lässt und was Vernünftiges macht.

Ich muss mir mal ein paar Gedanken machen, wie man solche Mails verlässlich als Spam ausfiltern kann. Denn eins muss ich „Jonas“ lassen: Als Informatiker ist er gut, denn die Mails schaffen es immer wieder duch meine Spamfilter-Barrieren. Vielleicht sollte ich ihm mal die Mails für ein Testpaket Viagra und Viagra zum Spottpreis weiterleiten, damit er auf andere Ideen kommt.