Xavier

Der Sturm Xavier hat gezeigt, wie verletzlich unsere Infrastrukturen sind. Ein paar fallende Bäume und Äste bringen alles zum stehen.

Ich will das nicht klein reden. Fallende Bäume und Äste können tödliche Wirkung entfalten. Was sie bedauerlicherweise mehrfach taten. Ich selbst habe in der Veranda zuschauen müssen, wie Xavier eine 25m hohe Fichte beim Nachbarn geschüttelt hat. Weil ich „in Schlagweite“ war, habe ich mich ins Haus zurück gezogen. Fünf Minuten später lag sie parallel zum Haus des Nachbarn. Außer einem kaputten Zaun, plattgelegten Pflanzen, angehobenem Erdreich und erforderlichen Nachbesserungen an der Garage ging das vergleichsweise glimpflich aus. Der größte Ärger dürfte die Beseitigung des Ungetüms sein.

25 m Fichte horizontal Das Ganze lief vergleichsweise geräuschlos ab, was zeigt, dass die Geräuschkulissen in Filmen eher der Dramatik denn der Originaltreue dienen. Doch auch ohne Radau bekam ich meine Dramatik frei Haus. Meiner Frau hatte ich frühzeitig geraten, sich nach Hause auf den Weg zu machen. Sie durfte hautnah miterleben, wie das öffentliche Verkehrsnetz innerhalb weniger Minuten völlig zusammenbrach. Intuitiv hatte sie sich in einen Bus gesetzt, der Richtung Norden unterwegs war. Doch selbst der stellte währenddessen seinen Regelbetrieb ein. Immerhin war die Busfahrerin nach kurzer Diskussion mit den Insassen bereit, zumindest die nächste U-Bahn-Station anzufahren, in der man Schutz und – teilweise noch – Anschluss finden konnte.

Ich selbst habe das hautnah bei Kyrill in München erlebt. Der öffentliche Verkehr inkl. Taxen stand von jetzt auf gleich still, als Auswärtiger wurde man während des Sturms allein gelassen, ich kam nicht mehr aus der Stadt zu meinem Bruder, wo ich übernachten wollte. Ich konnte ein Hotelzimmer ergattern und musste nicht in einem „Hotelzug“ – ohne Betten, ohne Duschen – übernachten. Was den wenigen Besuchern, die es hinschafften, am darauffolgenden Messetag zugute kam.

Wie schon in München versagte auch bei Xavier die Informationskette. Statt „seht zu, dass ihr euch irgendwo in Sicherheit bringt, hier passiert bis auf Weiteres nichts mehr“ wurden erst Verspätungen, dann Ausfälle und erst erheblich später über die Betriebs­ein­stellung informiert. Während öffentliche Einrichtungen wie z.B. der Zoo und Tiergarten bereits mittags geschlossen, die IGA erst gar nicht geöffnet wurde, gab es keine Planung für den sicheren Verbleib der Bevölkerung. Da der Sturm – natürlich – während der abendlichen Rush-Hour wütete, war es wohl mehr Glück als Verstand, dass es in Berlin offenbar nur eine Sturm-Tote zu beklagen gibt.

Obwohl absehbar war, dass der (oberirdische) Schienenverkehr nachhaltig gestört und auch der Busverkehr eingestellt war, wurde immer wieder suggeriert, es ginge „bald“ weiter. Statt klarer Ansagen Rum­geeiere und Hin­halte­ge­schwätz. Für viele, die nicht weiter kamen und das ernst nahmen, war es sicher eine sehr ungemütliche, lange Nacht.

Nachdem mir meine Frau durchgegeben hatte, dass sie es mit der U-Bahn immerhin bis Wittenauer geschafft hatte, habe ich mich über Nebenwege dorthin auf den Weg gemacht. Denn an Schienen­ersatz­verkehr oder geht bald wieder glaubte ich keine Sekunde. Da Google-Maps mittlerweile nahezu in Echtzeit Verkehrs­behin­derun­gen anzeigt, ergänzt um die Info eines Nachbarn, dass auf der Haupt­verbin­dungs­strecke B96 ein Baum über die Straße hängt, unter dem nur Autos, aber keine LKW durchpassen (!!), war das größte Problem, sich gegen das Navi durchzusetzen. Das hatte keine Ausweichstrategien für das Chaos, mangels detaillierter Ortskenntnis meinerseits war ich darauf angewiesen.

So war die Heimholaktion nach rund 2 Stunden (für ca. 12 km einfache Strecke) erfolgreich abgeschlossen, daher war meine Frau „nur“ viereinhalb Stunden nach Hause unterwegs. Ein Stückweit konnten wir einen Tramper mitnehmen, ein ursprünglich aus München stammender Herr, der ebenfalls erkannt hatte, dass in dieser Situation Eigeninitiative erforderlich ist. Er hatte auf der Webseite der BVG Informationen gesucht, was daran scheiterte, dass die Seite unter dem Ansturm zusamenbrach. Da war meine Frau besser vorbereitet: sie hat – ganz altmodisch auf Papier – einen Linienplan. Wie sie feststellte „ohne Busse“. Ein Mangel, der schnellstmöglich behoben wird. Wobei die BVG da offenbar ein Defizit hat, denn ich habe bei einer (kurzen) Suche nur eine private Initiative für Busnetzpläne gefunden.

Meine Frau hat sich am nächsten Morgen nach sehr reiflicher Überlegung gegen die Fahrt zur Arbeit entschieden, da es unabhängig vom Transportmittel eine Odyssee geworden wäre.Über den Tag entpuppte sich das – vorhersehbar – als weise Entscheidung, da die relevanten S-Bahnen auch heute morgen (Tag 2 nach Xavier) auf den für meine Frau relevanten Strecken noch nicht fahren. Was heute und morgen nicht weiter tragisch ist, weil wir Wochenende haben. Ich rechne ehrlicherweise damit, dass erst Mitte der nächsten Woche alle Bahnen wieder regulär funktionieren.

Für die jetzt vereinzelt geäußerten Forderungen, es dürfe in Städten und an Gleisanlagen keine großen Bäume geben, habe ich jedoch kein Verständnis. Sicherlich könnte eine etwas intensivere Baum­be­ob­ach­tung und -pflege das ein oder andere Problem im Keim ersticken. Statt dessen alles Großgrün aus den Städten und entlang von Bahn­strecken zu verban­nen, wäre eine für unsere Gesellschaft zwar durchaus typische, aber falsche Entscheidung. Bäume in Städten und an Gleisstrecken sind an allen anderen Tagen wichtige Lärm­be­kämpfer und Lebens­qualität­ver­besserer. Vielmehr sollten sich Bundesbahn und öffentliche Hand ein paar Gedanken über ver­nünf­tiges Krisen­­mana­­ge­­ment machen. Das fängt mit klaren, ehrlichen Informationen an, geht über Strategien, z.B. Rettungswege auch im Verkehrschaos offen zu halten und endet nicht zuletzt mit dem Mut, nicht auf die Versicherungsrisiken zu schielen, wenn trotz Unwetter Busse fahren.

Die sind für Menschen allemal sicherer als draußen. Die Tote in Berlin wurde von Ästenerschlagen, weil sie aus dem Auto1 ausgestiegen ist. Nachdem der Sturm „durch“ war, kann es so schwer nicht sein, alle ver­füg­baren Busse auf die Straße zu werfen – hier könnten temporäre Bus­spuren (s. Krisen­mana­gement, Spuren frei­halten) erheblich entlasten. Wer sie wider­recht­lich nutzt, darf gerammt werden, hat keinen Ver­sicher­ungs­schutz und verliert für 6 Monate den Führer­schein2. So wie der Deutsche sein Auto liebt, dürfte spätestens ein eventuell schrottreif ramponiertes Auto die meisten zur Vernunft bringen.

Alternativ könnte ein preiswert bis kostenloses eng(er) getaktetes Nah­ver­kehrs­netz Autos und damit in solchen Situationen noch größeres Ver­kehrs­­chaos aus den Innen­­städten raus­halten. Hier sollte mal der volks­­wirt­­schaft­­liche Nutzen gegen­gerech­net werden, der durch die Vermei­dung täg­licher Staus, weniger Umwelt­be­las­tung, etc. ent­stehen könnte, wenn Leute mit Arbeitsplatz in der Stadt z.B. ein kostenloses Ticket bekämen. Ich könnte mir vor­stel­len, dass das – über alles gerechnet – ein deutlicher wirtschaftlicher Vorteil für die Allgemeinheit und die Lebensqualität in den Städten wäre.

Allerdings wäre das ein Ansatz, den eine Stadt allein nicht schultern kann. Weil keiner anfängt – der Bund schon gar nicht, kostet ja – wird dieser Ansatz eines übergreifenden Gemeinwesens wohl eine Utopie bleiben. Dass Ereignisse wie Xavier damit wahrscheinlich deutlich an Schrecken und negativen Folgen verlieren würde, hilft als Argument wohl kaum. Wäre doch ein grundlegendes Umdenken erforderlich.


  1. Mir ist sehr wohl klar, dass ein Auto oder Bus keine Lebensversicherung ist. Dafür gibt es traurige Gegenbeweise. Es geht um „besser als ohne irgendwas draußen“. ↩︎

  2. Das würde ich ebenfalls für das Gasse-Bilden-müssen auf der Autobahn (vergleichbare Situation) einführen. ↩︎