Relative Solidarität

Diese Woche ist es mal wieder ein mediales Fest für den Terror. Dazwischen reihte sich Berlin mit einer eigenwilligen Interpretation von Anteilnahme ein.

Ich bin sehr gespannt, ob die nächsten Tage das Branden­burger Tor in den Farben Schwedens ange­strahlt wird. Das würde der Posse um die Anteil­nahme und Solidarität mit Terror-Opfern einen weiteren Mißton hinzu­fügen. Denn für die Opfer aus St. Petersburg gab es kein Licht. Weil das keine Partnerstadt von Berlin sei.

Stockholm ist das ebenfalls nicht, Solidarität hat Grenzen. Vor allem symbolische. Wenn in Moskau was passiert – o.k., dann schon. Ein Politiker – ausgerechnet ein Linker – hat dem Sammel­surium der frag­würdi­gen Argumente und Pein­lich­keiten eine weiteres einge­fügt mit der Meinung, dass die Solidaritäts­be­kun­dung grund­sätzlich abgeschafft werden solle. Ein letztes mal „russisch“, damit kein Unterschied gemacht werde.

Worin bereits der Unterschied gemacht wird, weil alle später Betrof­fenen dann doppelt Pech haben. Fehlt der Gegen­pol, der eine Sammlung anregt, damit das solidarische Zeichen fort­gesetzt wird, wenn es kosten­neutral bleibt. Wer sich jetzt angesprochen fühlt: „Ihnen leuchtet ein Licht“ ist schon besetzt.

Die befürchtete „Willkürlichkeit“ unseres linken Zynikers ist das wesentliche, sehr unerfreuliche Moment von Terrorismus: Wenn die ihre LKW-Fahrten oder Selbst­mord­kom­man­dos ankündigen würden, ginge – von ein paar Sensationstouristen und Lebensmüden abgesehen – keiner hin. Die Ansage abends nach oder im Rahmen des Wetter­berichts – da müsste man schlimmsten­falls den Shopping-Trip mit Freunden absagen.

Das würde für die Terroristen den gewünschten Effekt erheblich schmälern, weil es dann keine Bestürzungspresse und solche Diskussionen mehr gäbe. Vielleicht noch eine akademisch-theologische, dass damit Selbstmördern eine bequeme Option geboten würde, mit einem Knall abzutreten. Spätestens wenn die ersten Reise­unter­nehmen Touren zum nächsten Termin mit OneWay-Tickets anbieten.

Spätestens nach der dritten Live-Übertragung würden die Quoten einbrechen, dafür würden ARD und ZDF nicht mehr mit sinn­losen Sonder­­sendun­gen das Programm durch­einander bringen – kurzum: unsere mediale Bestürzungs-, Sensations- und Anteil­nahme-Mechanismen müssten komplett neu überdacht werden.

Für das sich selbst – zumindest von den jeweils dort amtierenden Politikern – gern als „Weltstadt“ titulierende Berlin ist die Selbst­beschrän­kung auf Partner­städte unangemessen. Wobei ich einräume, dass es bei einer Regelung „bei Terror: National­farben“ vorher­seh­bar zu Farb­kon­flik­ten kommt.

Das Brandenburger Tor wäre jedenfalls jeden Tag beleuchtet, regulär alternierend mit Mali, Afganistan, Lybien, Irak, mit niedrigerer Frequenz Ukraine, Israel, Türkei, Georgien, … – ich räume ein, es könnte tatsächlich unübersichtlich werden.

Womöglich ist relative Soli­dari­tät ein wichtiger Selbst­schutz-Mecha­nis­mus, damit „man“ das aushalten kann. Wobei das wahrscheinlich sogar die „Höchststrafe“ für die Terroristen ist: nicht aus der Ruhe bringen lassen. Natürlich ist es für Betroffene und deren Umfeld schlimm. Ist ein Autounfall – ebenso willkürlich – genauso.

Die mit der Berichterstattung gespendete Auf­merk­sam­keit und geschürte Ängste ist es doch, worum es diesen armen Irren geht. In Stockholm ist jedenfalls – zur hörbaren Irri­ta­tion des RBB-Nach­rich­ten­sprech­ers – heute morgen bereits wieder weitest­gehende Normalität eingekehrt. Die Schweden haben offenbar verstanden, wie man Idioten den Mittel­finger zeigt. Was womöglich die stärkste Form von Solidarität ist, die es für die Opfer gibt.