Die Macht der Selbstbeschränkung

Alles wird normiert, alles wird reguliert und wir – lassen uns das gefallen. „Ist halt so“.

Ich erinnere mich an die Anfänge des Berliner Haupt­bahn­hofs. Da gab es Lifte, die fuhren ent­weder nach ganz oben oder ganz nach unten. Für eilige Rei­sen­de – wie ich damals einer war – ziem­lich blöd, wenn das Teil nicht da hält wo ge­drückt wurde. Die Rich­tung stimmte zwar, mut­maß­lich weil „oben“ nach „noch weiter hoch“ physikalisch begrenzt war. Die Kiste schoss jedoch immer über das Ziel – sprich: die adres­sierte Etage – hinaus.

Es sprang auch kein Guido Cantz hinter einer Säule hervor. Hätte mut­maß­lich kom­men­tar­los auf die Zwölf gegeben, denn die ge­plan­ten Um­stei­ge­zei­ten waren eng, drei­mal sinn­los ganz hoch, ganz runter mit dem Auf­zug war nicht ein­ge­plant. Mein Zug war weg.

Daraus er­ga­ben sich dann ca. 60 Minuten un­ge­plan­ter Auf­ent­halt. Genug für den Weg zum Info­stand. Einer­seits, weil ich wegen der ver­lor­en­en Platz­re­ser­vier­ung ziem­lich an­ge­fres­sen war, an­der­er­seits, weil ich los­wer­den wollte, was ich von dieser mo­der­nen Technik halte.

Am Info­schal­ter mit drei Aus­kunfts­plä­tzen saß ein armes Würst­chen, mut­maß­lich Lehr­ling mit PC-Al­ler­gie. Denn die Hände waren primär irgend­wo, statt auf der Tas­ta­tur für die Aus­künf­te an Leute in der Schlange, in die ich mich ein­reihte. Als ich endlich dran war, war die Re­ak­tion auf mein Pro­blem recht über­sicht­lich: „Was soll ich da jetzt machen? Ist halt so“.

Ich hätte gern gemacht, was Cantz ob seiner Ab­wesen­heit erspart blieb. Gewalt ist jedoch keine Lösung. Daher war meine gut ver­nehm­liche Ant­wort „Tippen lernen, damit das mit dem Er­fas­sen von Stö­rungs­mel­dun­gen schnel­ler klappt. Macht zu­frie­dene Kunden und kürzere Schlangen.“ Das wurde mit einem Applaus der nach mir Ste­hen­den quit­tiert – eine kleine Genug­tuung.

Per­sön­lich habe ich große Schwie­rig­kei­ten mit Schick­sals­er­geben­heit. Hätte ich mich von „das ist halt so“ leiten lassen – schwer zu sagen, was aus mir geworden wäre. Ich halte es lieber wie die Hummel. Die wiegt 4,8 Gramm und hat eine Flügel­fläche von 1,45cm² bei einem Flächen­winkel von 6 Grad. Aus aero­dy­na­misch­er Sicht kann sie nicht fliegen. „Ist halt so“.

Allerdings ist der Hummel egal was die In­ge­nieure sagen: sie fliegt trotz­dem. Viele wichtige Schritte in mei­nem Leben bin ich ge­gan­gen, weil „ist halt so“ kein Grenz­baum für mich war, sondern Ansporn. Für mich wurde aus „ist halt so“ häufig „eben drum“.

Ich bin mir sehr bewusst, dass ich neben den heraus­ra­gen­den „eben drum´s“ nur eine kleine Funzel bin. Von den vielen „das ist halt so´s“ unter­scheide ich mich dennoch in einem ent­schei­den­den Punkt: ich brenne wenig­stens ein bisschen. Das tut nicht weh, das ist ganz leicht. Einfach machen. Wie die Hummel.