Deutungshoheit

Die IFA fällt dieses Jahr in den „heißen Endspurt“ des Bundestagswahlkampfs. Bei genauer Betrachtung haben die Beiden überraschende Ähnlichkeiten.

Mein erster IFA-Besuch war am 3.9.1981. Das weiß ich deshalb so genau, weil ich an diesem Tag meinen Führerschein gemacht habe. Wäre ich durchgefallen, hätte ich den Zorn dreier Freunde auf mich gezogen, mit denen der Fahrertausch nach Berlin verabredet war, damals noch „durch die Zone“, mit schlafen auf sumpfigem Zeltplatz von unten und oben im Minutentakt startenden oder landenden Flugzeugen.

Damals gab es für uns wirklich Neues, da war die IFA ein Fenster in die Zukunft. Als ich am Freitag letzter Woche da war, wird mir das zwar ebenfalls suggeriert. Bei genauerem Hinsehen gibt´s allerdings nur alten Wein in neuen Schläuchen. Vorhandenes wird „totoptimiert“. Was nützt mir beispielsweise ein Fernsehbild mit höherer Schärfe als in der Realität. Beeindruckend zwar, allerdings gibt es keinen Sender, der entsprechendes Material rausschiebt, das „neue“ DVB-T2 schafft jetzt endlich FULL-HD, was bei der IFA auf den tollen Monitoren kaum besser aussehen kann, als mit einem signifikant preiswerteren Gerät, das eben nur diese Auflösung hat.

Auch sonst: keine Innovation, bestenfalls Evolution. Primär ist es mehr Auflösung, Schneller, Länger, … – für Sachen, die bei genauerer Betrachtung vor einigen Jahren schon mehr konnten, als wir brauchen. So gesehen ist die IFA eine Schau der Ineffizienz, wie sonst könnte ich ein teureres, überkandidelteres Produkt bezeichnen, dem ein objektiver Mehrwert fehlt. Das deuten Meinungsmacher und Marketingstrategen natürlich völlig anders. Da wird ein Telefon mit KI-Modul bejubelt, allein: was kann ich damit machen und was soll mir künstliche Intelligenz im Mobiltelefon erledigen? Gegen eigene Dummheit wird es kaum helfen… .

Womit wir bei den Bundestagswahlen wären. Da werden uns ebenfalls alte, gescheiterte Ideen als Neuigkeit präsentiert:

  • Ein SPD-Möchtegern-Kanzler spricht von sozialer Gerechtigkeit und blendet aus, dass sein Vorgänger mit Harz IV der Verelendung die Tür geöffnet hat und die sozialen Schichten noch undurchlässiger wurden, als sie es schon waren.
  • Frau Ich-bin-Kanzlerin erzählt uns was von innerer Sicherheit und Entschädigungen für mit Schummel Software betrogene Autobesitzer. Im Radio erzählen sie gerade was von siginifikant angestiegener Kriminalität, einer ihrer Minister kuschelt mit der Autoindustrie und findet es in Ordnung, dass es außer einer Produktverschlechterung keine Entschädigung für seine Wähler gibt.
  • Die Grünen wollen Öko-Strom, sind aber die ersten, die gegen die dafür erforderlichen Stromtrassen Sturm laufen, sind gegen Kriege und waren die ersten, die einen Auslandseinsatz der Bundeswehr erst möglich gemacht haben.
  • Die FDP macht mit einem edel verpackten Personenkult einen derart inhaltsleeren Wahlkampf, mit dem verdeutlicht wird, dass von nichts nichts kommen kann.
  • Die AfD hängt ihrer Plakate wieder über zwei Meter hoch, damit man sich nicht darauf übergeben kann – das einzige, was mir bei den Sprüchen durch den Kopf gehen könnte.

Weil „nicht wählen gehen“ keine Option ist, habe ich versucht, mir zumindest ein Gefühl zu verschaffen, wer es denn sein könnte – behautungstechnisch, denn wie oben kurz angedeutet ist zwischen Wort und Tat häufig eine erhebliche Diskrepanz. Dass der Wahl-O-Mat mir „Die Partei“ als Topvorschlag liefert, stimmt mich nachdenklich. Ebenso, dass es „Die Partei“ beim Wahl-Navi von RTL fehlt, was zu völlig anderen Ergebnissen führt. Weglassen als Methode der Deutung. Wobei die Fragen beider Wahlhelfer lenkend sind, um die Deutungshoheit über meine Meinung zu erlangen.

Hilft alles nix: selbst denken, selbst entscheiden, nicht andere über die eigene Meinung deuten lassen.