Arbeitsmarkt 2017

Aktuelle Stellen­anzeigen finde ich zunehmend peinlich. Da wird mit Banalitäten geworben, die bei mir einen Impuls zum weiter­blättern auslösen.

Zum Monats­anfang habe ich mich von meinem primären Auftraggeber getrennt. Das Produkt „KIX“ entwickelt sich anders, als ich mir das erhofft hatte. Bei allem Erfolg den ich persönlich damit hatte, wurde die gemeinsame Basis immer schmaler. Also suche ich eine Neue. Dabei nutze ich über­wiegend die Stellen­anzeigen der verschie­denen Portale, die mit den passenden Such­worten bestückt, Kontakte und Konkretes auswerfen. Erzwun­gener­maßen lese ich dort Stellen­anzeigen. Bei einer erschreckend großen Zahl frage ich mich, ob Job­suchen­de tatsächlich so verzweifelt, blind oder gar blöd sind, oder ob die Anbieter aus Verzweiflung, Blind- oder gar Blödheit „sowas“ verfassen.

Wer „kostenloses Obst“ für erwäh­nens­wert hält, hat offenbar sonst nichts zu bieten. „Flache Hierar­chien“ heißt im Umkehr­schluss, dass es keine Aufstiegs- und Entwick­lungs­möglich­keiten gibt, denn die wenigen Jobs „darüber“ sind mut­maß­lich auf lange Sicht fest vergeben. Wenn „Freund­lich­keit, Flexi­bili­tät, Hilfs­bereit­schaft“ explizit auf­geführt wird, bin ich ziemlich sicher, dass mir Mit­arbeiter im persön­lichen Gespräch etwas diametral anderes erzählen würden. „Hohe Moti­vation“ lässt sich als ele­gan­te Um­schrei­bung von vielen, vom Arbeit­­geber erwarteten Über­­stunden lesen, die womöglich nicht abge­feiert werden können oder nicht bezahlt werden.

Das zunehmend einschleimende „Du“ in Anzeigen könnte man als Alters­dis­krimi­nierung werten. Denn zumindest ich bin noch mit dem respektvollen „Sie“ groß geworden. Ein „du“ will ich anbieten oder angeboten, aber nicht auf­­gezwun­­gen bekommen. „Du Depp“ geht leichter über die Lippen als „Sie Depp“. Beim „du“ ist man als Aus­sprechen­der der Meinung, man sei so vertraut, dass man die Dinge auf den Punkt bringen darf. Vor­gesetz­te verstehen direkte Ansprache – trotz „du“ – den­noch regel­­mäßig als Majestäts­­belei­­digung und schieben im Kopf fix die Daten für die Ab­­mahn­ung zusammen.

Es hat sich ein „Stellen­aus­schreibungs­jargon“ ausge­bildet, der viel heiße Luft und wenig konkrete Information beinhaltet. Ins­beson­dere bei Job­vermitt­lern steht häufig besten­falls ansatz­weise drin, was genau gemacht werden soll. Gele­gent­lich sind die Beschrei­bungen derart allgemein, dass es auf Toiletten­reinigungs­fach­kraft bis hin zum IT-Team­leiter passt. Bloß nicht viel Konkretes sagen. Wer will schon Interessen­ten, die sich im Vor­feld über das Unter­nehmen und die Inhalte infor­mieren, damit sie eine quali­fizier­te, auf die Anfor­derung passende Bewer­bung schicken – oder eben nicht, weil sie erkennen, dass es kein Job für sie ist.

Letzt­end­lich schaden sich die Schreiber solcher Anzeigen meines Erachtens selbst, denn niemand kann sich auf alles das ansatz­weise interessant klingt bewerben. Dass sich auf solche Angebo­te augen­schein­lich eher Unge­eignete beworben haben, unter denen not­gedrun­gen „das kleinste Übel“ ausge­wählt wurde, ver­raten regel­mäßig die wieder geschal­teten Anzeigen vor Ab­lauf der Probe­zeit.

Als Suchender hat man kaum Chancen, sich gegen diese Auswüchse zu wehren. Aufgrund dieser infor­mel­len Verwäs­serung lässt sich der perfekte Job nur per glück­lichem Zufall finden. Bis dahin hangelt sich eine wach­sende Zahl Arbeit­­nehmer von Job zu Job und darf mit jedem Versuch heraus­finden, ob und wie große Dis­krepanzen es zwischen Selbst­darstel­lung und Realität gibt. Bewusst oder unbewusst formuliert ist selten zweifelsfrei klärbar. Was zu sig­ni­fi­kant ab­neh­men­den Zu­gehörig­keits­zeiten der Mit­ar­beiter führt, weil un­zu­­frie­­dene sich was Neues suchen.

Bei Bewer­bungen müssen sie zu allem Über­fluss dann recht­fertigen, warum sie es nirgends lange „aus­halten“. Was eine Zwick­mühle ist, denn „weil ich bei Bewer­bungs­gesprächen regel­mäßig ange­logen wurde“ wäre in eben dieser Situation zwar ehrlich, bringt aber die Stim­mung in die Nähe des Gefrier­punkts. Die ebenfalls ehrliche Antwort, dass man mit den vielen gesam­melten Erfahr­ungen erst für den ange­fragten Job gereift ist, ist gleicher­maßen problematisch. Denn mit (zu) viel Kom­pe­tenz sägt man indirekt am Stuhl des­jenigen, der einen ein­stellen soll. Zumindest glaubt der/diejenige das.

Weniger Fahrt­zeit zum Arbeits­platz, bessere Aufstiegs- und Ent­wicklungs­möglich­keiten, Thema hat schon immer interessiert, … – das sind zwar eher lang­weilige, jedoch unver­fäng­liche und mensch­lich nach­voll­zieh­bare Gründe. Wobei Klagen über die Fahr­zeit zum Arbeits­platz taktisch unklug sind, wenn man sich für eine Außen­dienst­stelle bewirbt. Trotz spontan entstandener Sym­pathie der Gesprächs­teil­nehmer für­ein­ander dürfte das die Unter­haltung extrem verkürzen.

Die schlichte Wahrheit ist offenbar unzureichend. Statt dessen versucht jede Seite durch selektive Überzeichnung eine bestmögliche Selbstdarzustellung. Denn als Arbeitskraft-Anbieter sollte ich mich auf dieses Niveau einlassen – es soll ja zusammenpassen. Persönlich halte ich es mit Roger Murtaugh aus Leatal Weapon. Mich gibt´s nur mit Ecken und Kanten, ohne „Rumgeeiere“. Letzteres wird von einer über­wälti­gen­den Mehr­heit Inte­res­sen­ten und Geschäfts­part­nern als ergebnis­orientiert, erfrisch­end, hilf­reich und nütz­lich wahr­genom­men. Kann also so falsch nicht sein.